Richtig streiten

Das Thema “Streit” ist in Beziehungen fast so selbstverständlich, wie das Atmen zum Leben gehört. Es ist mir hier ein Anliegen, dir meine Sichtweise darzulegen auch wenn du diese nicht teilen magst. Ich lade dich aber dazu ein, zumindest einmal darüber nachzudenken. Natürlich trifft das, was ich hier schreibe nicht nur auf Beziehungen zu, sondern auch auf Streits mit deinen Freunden und/oder mit deiner Familie.

Ich werde kurz darauf eingehen, wie ein Streit überhaupt zustande kommt, das ganze auf einen Satz reduzieren und dir einen Weg aufzeigen, der meiner Meinung nach helfen kann, Streits zu vermeiden.

Bitte verstehe mich nicht falsch: Jede Beziehung wird früher oder später Probleme angehen müssen, die Frage ist aber, in welcher Form diese Probleme angegangen werden. Anscheinend haben wir uns alle stillschweigend darauf geeinigt, dass der Streit das bevorzugte Mittel der Konfliktlösung darstellt. Oder fällt dir spontan ein Paar ein, welches sich noch nie gestritten hat?

Hast du bemerkt, dass ich ganz hinterlistig im vorhergehenden Absatz das Problem von dem eigentlichen Streit separiert habe? Denn der Streit ist nicht das Problem, das Problem ist das Problem. Der Streit ist nur das Instrument, mit welchem das Problem gelöst werden soll. Jedem Streit geht also ein Problem voran. Ein Problem kann dadurch entstehen, dass ein Partner in einer zuvor festgelegten monogamen Beziehung einen anderen Geschlechtspartner den Vorzug gegeben hat. Partner A ist also Partner B mit dem Partner C “fremdgegangen”, wie man es bei uns so sperrig ausdrückt. Partner B findet das gar nicht mal sooo toll und stellt Partner A zur Rede: “Du hast versprochen, dass du mir ewig treu bleibst, wie kannst du mir das nur antun, ich dachte, wir wären glücklich und jetzt das. Du hast alles zerstört, ich kann auf gar keinen Fall mehr mit dir zusammen bleiben. Wie soll ich dir je wieder vertrauen können…”

Ich möchte hier nicht weiter speziell auf das Fremdgehen eingehen, sondern einen ganz essentiellen Punkt herausarbeiten: nämlich, was eigentlich passiert ist. Partner A und B haben sich zuvor auf eine monogame Beziehung geeinigt. Partner A hat diese Regel verletzt. Und nun lass uns das Wort “Regel” ersetzen durch “Vorstellung”. Beide Partner haben sich auf die Vorstellung einer monogamen Beziehung geeinigt. Doch irgendwann hat Partner A für sich entschieden, seine Vorstellung einer Beziehung zu ändern. Und nicht nur das: Partner A hat ungefragt die neue Vorstellung von Beziehung Partner B aufgezwungen!

Ein Beispiel: Ein Paar ist schon zwei Jahre zusammen. Partner A: “Du sag mal, ich weis, ich hab es schon öfter angesprochen, aber ich habe das Gefühl, dass wir da einfach nicht weiterkommen. Was ist denn jetzt mit dem Zusammenziehen?” Partner B: “Herr Gott, fängst du schon wieder damit an? Ich hab doch gesagt, dass wir das schon noch machen werden, wenn ich nen neuen Job hab, dann können wir da hin ziehen, wo ich die neue Arbeit finde!” “Ja, aber du arbeitest da jetzt schon wieder ein ganzes Jahr, wie lange soll denn das noch so gehen?” “Es läuft halt gerade gut, was soll ich machen? Kündigen? Ist es das was du willst?”…

In diesem Beispiel treffen die Vorstellungen von zusammenziehen und nicht-zusammenziehen aufeinander. Partner A startet erneut einen Versuch Partner B von der eigenen Beziehungsvorstellung zu überzeugen. Partner B wehrt sich dagegen.

Vielleicht kannst du meinen Punkt besser nachvollziehen, wenn ich die Ursache für Streit in einem Satz prägnant zusammenfasse: Streit(potential) entsteht dort, wo ein Partner versucht, einem anderen seine (Beziehungs-) Vorstellung aufzuzwingen.

Ganz wunderbar beobachtest du das in der Politik: “Herr X, sie haben doch unrecht mit dem was Sie sagen. Ich habe recht, weil Y.” “Nein, Sie haben unrecht weil Y gar nicht zutrifft, sondern Z.” “Ach… Z ist doch vollkommener Blödsinn, weil… Und aus dem Grund, muss meine Partei gewählt werden und nicht Ihre.”

Auch in deiner Familie kannst du diese Formel anwenden: Als kleines Kind hattest du die Vorstellung davon, deinen Nachmittag vor dem Fernseher zu verbringen, aber deine Mutter sah dich eher in deinem Zimmer, den Saustall aufräumen. Oder aber, dein Bruder ist der Auffassung, dass du immer von eurer Mutter bevorteilt wurdest. Du hingegen bist der Meinung, dass er ein cholerischer Idiot ist. Stell Dir nur einmal VOR, was passiert, wenn du deinem Bruder davon überzeugen willst, dass er ein cholerischer Idiot ist.

Die Schwierigkeit liegt darin, dass dir deine Position im Streit oftmals nicht bewusst ist. Im Streit ist meistens nur noch die Auswirkung dessen zu sehen, wofür du dich unterbewusst entschieden hast. Lass mich auf das Fremdgehen von vorhin zurückkommen: Ich glaube wirklich, dass kein Mensch fremdgeht, um seinem Partner damit zu schaden oder bewusst zu verletzen. Das ist nur eine (schwerwiegende) Randerscheinung. Wenn du dich mit jemandem unterhältst und ihn fragst, wieso er denn fremdgegangen ist, wird die Antwort meist in die Richtung gehen: “Eigentlich wollte ich es gar nicht, aber in dem Moment hat es sich einfach gut angefühlt und dann habe ichs getan.”

Hier kommen wir dem Kern der ganzen Misere schon sehr nahe, wenn wir festhalten: Ein Streit ist also der zwanghafte Überzeugungsversuch des anderen der (meist) unbewussten (Werte- oder Beziehungs-) Vorstellungen.

Wie kannst du dieses Wissen jetzt für dich nutzen? Mir ist wichtig, dass du aus der Schlussfolgerung eine Erkenntnis ableitest: Du streitest dich also, weil du versuchst deinem Partner deine Werte- oder Beziehungsvorstellung aufzuzwingen. Das bedeutet, dass du versuchst deinen Partner zu ändern. Das klappt aber in der Regeln nicht. Denn das einzige, was du in diesem System verändern kannst, bist nämlich du SELBST! Das bedeutet, dass eigentlich zwei Dinge passieren: du versuchst nicht nur deinen Partner zu verändern, sondern auch noch dich selbst NICHT zu verändern.

Und jetzt setze dich am besten hin, denn die Zusammenfassung wird sehr hart: der Streit entsteht also dadurch, dass du zwanghaft versuchst deinen Partner zu verändern, damit DU dich nicht verändern musst…

Ok, ich formuliere es entschärfter: Ein Streit ist der zwanghafte Überzeugungsversuch des Anderen der (meist) unbewussten (Werte- oder Beziehungs-) Vorstellungen MIT DEM ZIEL die eigene Vorstellung beibehalten zu können.

Ich höre deine innere Stimme laut herausschreien: “SOLL ICH ALSO JETZT BEI JEDEM STREIT KLEIN BEIGEBEN ODER WAS!?” Nein, sollst du nicht. Zunächst einmal will ich dir, wenn auch etwas provokativ aufzeigen, was eigentlich in dir abgeht, wenn du dich mit jemandem streitest. Wenn du als nächstes erwartest, zu lesen, wie du deinen Partner nun von der “richtigen” (deiner) Vorstellung überzeugst, muss ich dich enttäuschen. Das ist das Feld der Rhetorik. Und falls du schon fieberhaft nach Überzeugungsstrategien schaust, weise ich darauf hin, dass du die Intention meines Textes nicht verstanden hast. In einem Streit in einer Beziehung geht es nicht darum, den anderen von seinen Vorstellungen zu überzeugen. Du magst mir vielleicht Recht geben, wenn ich sage: Wenn man diesen Ansatz verfolgt, wird es immer einen Verlierer geben, nämlich den, der “überzeugt” (unterdrückt) wurde.

So, genug der Provokationen. Was kannst du aus diesem Text mitnehmen? Ich habe dein Bewusstsein dafür geschärft, dass das Problem nicht immer der Streit ist, sondern der Streit als Mittel gewählt wird, das Problem zu lösen. Ich habe dir gezeigt, dass ein Streit daraus resultiert, dass du den anderen zu einer Veränderung zwingst, ohne dabei dich selbst verändern zu müssen. Wenn du dich das nächste mal mit deinem Partner streitest, versuche dich an diesen Text zu erinnern und frage dich: zu welcher Änderung zwinge ich gerade meinen Partner? Warum sträube ich mich gerade so dagegen, die Sicht meines Partners zu akzeptieren?

Wie du siehst, lenkt diese Sichtweise den Fokus von deinem Gegenüber auf dich selbst. Das bedeutet nicht, dass du klein beigeben sollst, sondern dir deine Position bewusst machen soll, die du einnimmst. Vielleicht darf ich dir auch zu guter letzt den Ratschlag mit auf den Weg geben, den Streit nicht mehr als etwas fundamental schlechtes zu sehen, sondern als eine MÖGLICHKEIT, dich persönlich zu entwickeln. Und: Persönlichkeitsentwicklung hat NICHTS damit zu tun, den anderen zu unterdrücken! Was es letzten Endes ist? Das überlasse ich nun wieder dir, lieber Leser!

Dein Beziehungshelfer

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